“Wenn Welten zusammenstossen” / “Der jüngste Tag” Film und Buchvorlage Kritik

Ich liebe klassische Science Fiction, wie der ein oder andere weiß. Und zwar sowohl alte Science Fiction-Romane, als auch Science Fiction-Filme der 50er Jahre. Vor kurzem wurde ich wieder auf einen Film aufmerksam, den ich besonders mag. Er heißt im amerikanischen Original “When Worlds Collide” und ist vom damals bekannten Produzenten George Pal, der ebenfalls “Der Krieg der Welten” von H.G. Wells verfilmte, welches ich ja auch als Graphic Novel adaptiert habe (am 29. Juni kommt diese übrigens neu und in kolorierter Fassung bei Carlsen heraus!).

George Pal war ungarischer Herkunft und wanderte in den 30er Jahren aus Europa in die USA aus. In Hollywood machte er mit seinen “Puppetoons”, im Stop-Motion-Verfahren animierten, kleinen Kurzfilmen schnell von sich reden (bereits in Berlin hatte er als Trickfilmer unter anderem für die UFA gearbeitet). Nachdem er “Destination Moon”, einen Film über eine Mondreise in Orientierung an damals neueste technische Erkenntnisse gedreht hatte (1950), engagierten ihn die Paramount Studios für eine Verfilmung des erfolgreichen Science Fiction-Romans “When Worlds Collide” (“Wenn Welten zusammenstossen”) des Autorengespanns Edwin Balmer und Philip Wylie. Der Roman, der von zwei Planeten handelt, die auf Kollisionskurs mit der Erde sind, hatte in den 30er Jahren großen Erfolg. Pal, der von dem Stoff (und auch anderen Büchern von Wylie) sehr angetan war, sagte zu, und es entstand – in meinen Augen – ein Highlight des 50er-Jahre Science Fiction-Kinos. Aber zunächst zur Geschichte in der Buchvorlage: Bronson Alpha und Bronson Beta, zwei Planeten, die aus ihrer Bahn gerissen wurden, rasen mit großer Geschwindigkeit auf die Erde zu, wie die Astronomen Cole Hendron und Sven Bronson feststellen. Dabei dreht sich Bronson Beta, ein Planet, bei dem man von bewohnbaren Bedingungen ausgeht, um Bronson Alpha, einen Gasplaneten, der letztendlich mit der Erde zusammenstossen und sie dabei vernichten wird. Doch Hoffnung ist da, als sich herausstellt, dass Bronson Beta in die Anziehungskraft der Sonne geraten und den Platz der untergegangenen Erde im Sonnensystem einnehmen wird (während es den Gasplaneten wieder in den Weltraum zurückschleudert). Nur: Wie ihn erreichen? In Windeseile wird die Konstruktion von Raumfähren in Angriff genommen, die eine ausgewählte Gemeinschaft – Achtung, das Wort “ausgewählt” wird noch wichtig – auf den Ersatz für die dem Untergang geweihte Erde bringen soll. Die Autoren Balmer und Wylie beschreiben im Folgenden detailliert die Sorgen und Nöte der Wissenschaftler bei der Planung, der Konstruktion der Raketen und der Durchführung des gesamten Unternehmens. Als der erste der beiden Körper das Sonnensystem erreicht und an der Erde vorbeizieht, kommt es zu massiven Naturkatastrophen biblischen Ausmaßes, bei denen die Erde unter anderem des Mondes beraubt wird.

Und nun kommen wir zum Kern des Problems, das ich mit dem Buch habe: Ich mag Geschichten, die ein episches Ausmaß versuchen, aber ich mag es nicht, wenn die Figuren darin – sozusagen – zu darwinistisch angelegt werden und mit grimmiger Miene akzeptieren, dass manche nun mal “auserwählt” sind, und manche nicht. Auch beinhaltet der Roman den Versuch, eine neue Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau vorauszuahnen, die von den Figuren aufgrund der dramatischen Umstände als “notwendig” erachtet wird (weil die kommende Welt und ihre Anforderungen – keine Frau darf bei einer dezimierten Menschheit nur einem Mann allein gehören, und umgekehrt werden Männer nicht nur mit einer Frau zusammensein dürfen – dies sozusagen vorzuschreiben scheint). Aus freien Stücken dürfen sich die Figuren aber nicht dafür entscheiden, es wird im Roman als notwendiges Übel beschrieben. Im Zusammenhang damit kommt der Roman nicht über eine simple Beschreibung harter Gefühlslagen hinaus: wenn zum Beispiel die Tochter Cole Hendrons feststellt, dass sie sich in den Piloten Dave Ransdall verliebt hat und ihr Verlobter Tony nun vor der Frage steht, wie er damit umgeht. Nüchtern stellt er im Roman fest, dass diese emotionale und persönliche Niederlage nun mal einfach das Spiel der Welt sei, in das nun alle verwickelt sind und es vielleicht ohnehin eines Umdenkens des Konzeptes der Ehe bedarf, und trägt das alles im klassischen Sinne “wie ein Mann”, den das mehr oder weniger emotional nicht berührt – während Hendrons Tochter nüchtern feststellt, dass sie sich vielleicht einfach beiden Männern hingeben “muss” und sich nicht entscheiden darf. Spannende Gedanken, doch – es ist der Ton, in dem sich die Figuren über diese von ihnen so empfundenen Tatsachen im Buch unterhalten, der ungute Assoziationen an andere Entwicklungen zur Entstehungszeit des Buches weckt, und der mir daran missfällt. Dieser Ton eines “da muss man durch” – wir erinnern uns daran, was während der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts alles als “unumgänglich” empfunden wurde – schlägt auch an vielen anderen Stellen des Buches an, zum Beispiel, wenn die Bevölkerungen aufgrund der Naturkatastrophen stark dezimiert werden. Kann man den Weltuntergang wirklich im Stil einer Notwendigkeit beschreiben?

Ich schreibe das alles, weil mir in letzter Zeit ein paar negative Kritiken zu George Pals Verfilmung aufgefallen sind (die zwei Jahrzehnte später, nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist). Für einige heutige Rezensent*innen verliert der Film gegenüber dem Buch, weil er erstens einen religiösen Aspekt einfügt, zum anderen der Nebenbuhler-Plot zahmer behandelt wird: Pal verlegt die Handlung in die damalige Moderne (1951) und passt das Wissenschaftliche (der Bau der Rakete wird zum Bau eines Shuttles mit einer Abschussrampe, etc.) den neuen Gegebenheiten ebenso an wie den Typ Mann, der in dem Buch auftritt: Tony, Joyce Hendrons Verlobter, wird vom Alles-einstecken-Könnenden zum im ersten Moment eifersüchtigen, aber letztendlich aufrichtig Liebenden, indem er eher galant und vornehm neben Dave Randall (das “s” im Namen der Figur wurde für den Film gestrichen) zurücktritt, ja sogar dafür sorgt, dass Dave und Joyce zusammenkommen können – was letzten Endes ein Beweis für aufrichtige Liebe gegenüber Joyce ist, weil er sicherstellt, dass sie glücklich ist. All das tut er aber in Pals Verfilmung wie ein wahrer Gentleman (gespielt von Peter Hansen), und nicht wie ein Mann, der halt alles einstecken und “dadurch” muss. Der oben beschriebene äußere Zwang fällt weg, es ist seine eigene Entscheidung. Schon in diesem Punkt finde ich den Film deutlich moderner und fortschrittlicher als das Buch. Ganz abgesehen davon, dass im Film die Besatzung des von der Erde flüchtenden Schiffes per Lotterie – also unter farien Bedingungen – und nicht via Vorab-Selektion wie im Buch (man beachte den Begriff “Selektion”) zusammengestellt wird. Aber auch sonst stört mich die Kritik an Pals Film: Er sei an manchen Stellen zu undramatisch, zu unentschlossen, unlogisch – wann ist Science Fiction jemals nur logisch? Und ist ein stillschweigend im Hintergrund lauernder, immer näher rückender Weltuntergang nicht Anlass zur Sorge und aufregend genug (in Pals Film wird das meines Erachtens nach sehr gut mit einem während der Handlung immer weiter abgerissen-werdenden Kalender visualisiert, der den Figuren immer wieder anders und in verschiedenen Räumen des Camps begegnet, in dem die Raumfähre gebaut wird)? Science Fiction muss nicht logisch sein, sie muss nur Räume für ungewöhnliche Gedankenspiele öffnen. Und das tut Pals Verfilmung auf ganz wunderbare Weise: Langsam baut sich die Spannung auf bis zu dem Punkt, an dem die Naturkatastrophen übernehmen. Und das ist wunderbar mit Minitiaturen inszeniert: Berge bersten und geben Lava frei, über Küstenpanoramen brechen die Fluten herein, Wassermassen quellen per Rückprojektion auf den Times Square, Wolken-Formationen streiten sich und kämpfen an gegen die physikalischen Kräfte, die zwischen den Planeten zerren (auf wunderbaren Matte Paintings von Chesley Bonestell). Das Einzige, was ich hieran auszusetzen habe, ist, dass es einfach nicht genug davon in diesem Film gibt. Es könnten von mir aus noch viele Miniatur-Tricks und Gemälde mehr sein, aber das Budget gab halt nicht mehr her – so gut ist das letztendlich gemacht. Und die Landung auf der “neuen Welt”! Einfach wunderbar.

Also, insofern von mir aus 10 von 10 Punkten für Pals Verfilmung, sie ist ein bunter, dramatischer Technicolor-Spaß mit Herz und wunderbaren Schauspielern, und was die Farben angeht vor allem auch von den Kostümen her: Sorgsam von der Altmeisterin Edith Head ausgesucht, sehen ausnahmslos ALLE in diesem Film elegant und schön aus, die Farben der Kostüme sind extrem gut gewählt und passen sich dezent der Handlung an. Um die Buchvorlage aber nicht ganz untergehen zu lassen: Hier ist ein Cover, was ich mal aus grundsätzlicher Freude an dem Plot an sich gemacht habe (Vorderseite oben, umlaufendes Motiv unten). Es greift den Charme der Pal-Verfilmung auf und verbindet es ein wenig mit New Yorker Wolkenkratzern, die in die Dreißiger Jahre gepasst hätten.

Per aspera ad astra! 🙂

Thilos Notizen:
Blog: 20.000 Meilen unter dem Meer
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